Gemeindegeschichte

Vom ersten Gottesdienst zur eigenständigen Gemeinde

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Floridsdorf ein eigenständiges Gemeinwesen nördlich von Wien. Im Zuge der sehr starken Industrialisierung und des raschen Ausbaus der Eisenbahn ließen sich eine Waggonfabrik, eine Lokomotivfabrik und Siemens & Halske - um nur einige zu nennen - in Floridsdorf nieder. Unter der rasch anwachsenden Belegschaft dieser Unternehmen befanden sich viele aus deutschen Landen und evangelischen Glaubens. Kein Wunder, dass der Wunsch nach eigenen evangelischen Gottesdiensten immer stärker wurde.


Es ist dem Glauben und der Ausdauer einer warmherzigen Frau zu verdanken, dass dieser Wunsch bald in Erfüllung ging. Frau Auguste Grossmann, eine gebürtige Rheinländerin, bat Pfarrer Dr. Johanny aus Währing um die Abhaltung eines Gottesdienstes. Pfarrer Dr. Johanny sagte zu, überließ jedoch den Floridsdorfern die Wahl eines geeigneten Raumes. Auguste Grossmann, später nur liebevoll Gemeindemutter genannt, versuchte ihr Glück in der Turnhalle in der Konrad-Krafft-Gasse (heute Grabmayrgasse), doch der Vorstand der Turner wollte nicht mit einer Frau verhandeln. So wurde Kurator Johann Jung aus Korneuburg als Unterhändler gebeten, weil in Floridsdorf kein Mann dazu bereit war.


Am 8. Dezember 1892 fand im vollen Saal des Turnvereins mit Pfarrer Johanny der erste evangelische Gottesdienst statt. Von nun an gab es regelmäßig monatliche Gottesdienste in Floridsdorf, Korneuburg und Stockerau. Diese drei Gemeinden waren dem Pfarramt Wien-Landstraße unterstellt, wo seit 1884 Pfarrer Julius Antonius amtierte. Pfarrer Dr. Johanny regte die Gründung eines Clubs der evangelischen Glaubensgenossen in Floridsdorf an. Die Floridsdorfer Protestanten folgten seinen Rat und hoben am 8. April 1894 ihren Club aus der Taufe. Die Leitung übernahm Oskar Roth, ein Oberinspektor bei der Nordbahn. Die Glaubensgenossen bereiteten die Installierung einer Evangelischen Filialgemeinde vor, die sich am 15. April unter dem Vorsitz von Pfarrer Antonius konstituierte.

Damals zählte die Gemeinde ungefähr 500 Seelen. Das Presbyterium hatte 9 Mitglieder und wählte aus seiner Mitte Oskar Roth zum Kurator. Während des Festgottesdienstes am 21. Juni 1896 anlässlich der Gründung der Filialgemeinde nahm Pfarrer Antonius die Angelobung der Presbyter vor. Der Wiener Evangelische Singverein sang Franz Schuberts Hymne "Geist der Wahrheit" und unterstützte die Choräle der Gemeinde.

 

Noch kein volles Jahr im Amt, verstarb unser erster Kurator. Tiefbetrauert von seiner Gemeinde wurde er im März 1897 am alten Floridsdorfer Friedhof (heute der Paul-Hock-Park neben der Kirche) zur letzten Ruhe gebettet. Sein Nachfolger wurde Konrad Lunzer. Während der Gemeindeversammlung vom 10. Juni 1897 übergab Pfarrer Antonius dem Presbyterium einen von Karl Eberhardt gespendeten Abendmahlskelch mit der Widmung "Zur Erinnerung an unseren ersten Kurator Oskar Roth".

 

1899 fand im Anschluss an den Gottesdienst von 17. September die erste Übertrittsfeier statt. 12 Personen traten an diesem Tag der evangelischen Kirchengemeinde bei. Das erste Wachstum der Gemeinde machte die Bestellung eines Personalvikars nach Floridsdorf notwendig. Seine Aufgabe war die seelsorgerliche Betreuung der evanglischen Familien in den Gemeinden entlang der Nordwestbahn; sein Dienst schloss auch Amtshandlungen im Namen des Ortspfarrers mit ein. So berief Pfarrer Antonius im Jahre 1900 Lic. Dr. Otto Kühne an seine Seite, der zuvor bereits von Senior Marolly in der Friedhofskirche Matzleinsdorf ordiniert worden war.

 Dr. Kühne übersiedelte am 1. September nach Floridsdorf. Er bezog eine Wohnung im ersten Stock des Hauses Schleifgasse 4, die ihm auch bis zur Fertigstellung der Kirche im Jahre 1906 als Amtssitz diente. Seine feierliche Amtseinführung fand am 4. November 1900 in der Turnhalle Konrad-Krafft-Gasse unter reger Beteiligung der Behörden, der Schulen und der Schwestergemeinden Korneuburg und Stockerau statt.

 

1901 löste sich der Club der Evangelischen Glaubensgenossen auf. An seine Stelle trat der mit 20. Juni 1901 registrierte Evangelische Kirchenbauverein. Direktor Gustav Bergholtz war sein erster Obmann. Als Baugrund für ein eigenes Gotteshaus war ein Grundstück in Jedlessee vorgesehen, das jedoch zu abseits gelegen und daher nicht besonders geeignet erschien. Der damalige Bürgermeister von Floridsdorf, Anton Anderer, dessen Frau evangelisch war, brachte während der Zeit der Anschlussverhandlungen an die Reichshaupt,- und Residenzstadt Wien zur Kenntnis, dass die Ortsgemeinde bereit wäre, den Protestanten einen Bauplatz in der Kretzgasse zu übereignen. Der Kirchenbauverein müsse sich allerdings sofort entscheiden und umgehend den Kaufpreis von Kr. 6.000,- erlegen; nur, die Vereinskasse war leer.

Das erwies sich ein Kaufmann, der dem Vikar wohlgesinnt war, als Retter in der Not: Kom. Rat Josef Kirnbauer stellte die Summe mit den Worten "Die Hälfte schenke ich Euch, die andere gebt mir ohne Zins nach Gutdünken zurück" ohne weitere Bedingungen zur Verfügung. Der Verein erwarb das Grundstück am 16. März 1902 und begann unverzüglich mit den Planungen. Baubeginn war im Sommer 1904. Nach den Plänen des Architekten Knell kamen die Bauarbeiten rasch voran und konnten bis 28. Jänner 1906 abgeschlossen werden.

 

Zuvor war aber mit 1. Jänner 1906 noch ein schöner Erfolg zu verzeichnen. Mit diesem Datum war aus der Filialgemeinde die selbstständige Pfarrgemeinde A. B. Wien-Floridsdorf mit den Filialen Korneuburg und Stockerau hervorgegangen.

 

Epilog:

In den vergangenen 100 Jahren haben in unserer Pfarrgemeinde Floridsdorf viele Menschen Zeichen gesetzt - Zeichen, die uns an etwas erinnern sollen und Zeichen, die in die Zukunft weisen. Die meistern dieser Menschen blieben wahrscheinlich für ihre Taten unbedankt, ja sie werden in den Annalen der Gemeinde nicht einmal namentlich erwähnt. Die vorhandenen Aufzeichnungen geben größtenteils über Pfarrer und andere Funktionsträger Auskunft. Freiwillige MitarbeiterInnen und HelferInnen kommen oft nur im anonymen Begriff "die Gemeinde" vor.

Auch in dieser Kurzfassung unserer Chronik fehlen viele Namen, Daten und Ereignisse, und von allem Erwähnten ist sicherlich das eine oder andere unrichtig oder unvollständig. Wohl existiert über die jüngere Vergangenheit neben Chronik und Sitzungsprotokollen viel mehr Schrift- und Bildmaterial als über die ersten 70 Jahre. Dennoch haben wir nach reiflicher Überlegung in erster Linie Menschen genannt, die auch heute noch in der Gemeinde aktiv sind. Doch selbst in dieser Auswahl gibt es Lücken, für die wir nur um Toleranz und Verständnis bitten können.  

 

Falls Sie oben genannte Chronik erwerben wollen, wenden Sie sich bitte an die Pfarrkanzlei.

Gemeindeleben im neuen Kirchenraum

Februar 1934

Vergeben und nicht vergessen

Vergeben und nicht vergessen

Ö1 Zwischenruf, Sonntag, 16.2.2014, 6.55 Uhr

Von Christine Hubka

Autorin, Gefängnisseelsorgerin und evangelische Pfarrerin i.R

 

 Vier Jahre ist Erwin alt, als sein Vater Georg Weissel am 15. Februar 1934 stirbt.

Als Wachkommandant der Wiener Berufsfeuerwehr hatte Georg Weissel am 13. Februar 1934 die Feuerwehrmänner des Wiener Bezirks Floridsdorf im bewaffneten Widerstand gegen die Sicherheitskräfte des Regimes Dollfuß angeführt. Der Widerstand scheiterte. Weissel wurde wegen „Dienstverweigerung und Auflehnung“ angezeigt, von einem Standgericht zum Tode verurteilt und in den frühen Morgenstunden des 15. Februar im Landesgericht Wien durch den Scharfrichter hingerichtet.

 

Wie sein kleiner Sohn Erwin und dessen Mutter den 16. Februar, den Tag nach dem Tod des Vaters und des Ehemannes, verbracht haben, weiß ich nicht. Wie es Hinterbliebenen eines Mannes, der wegen Verbrechens der "Auflehnung" gehenkt wurde, damals ergangen ist, kann ich nur ahnen. Trotz intensiver Recherche konnte ich den Namen der Witwe des Widerstandskämpfers nicht erfahren, obwohl sich ihr Leben durch den Tod des Mannes unwiderruflich verändert hat. 

 

Vom Hingerichteten zur Weisselgasse 

Das alles ist vor genau 80 Jahren geschehen. Die Welt hat sich weiter gedreht. Auch die Gedanken und Einsichten, die Beurteilung der Ereignisse im Februar 1939 haben sich verändert. Sichtbares Zeichen dafür ist die Weisselgasse in Floridsdorf. Im Jahr 1946 wurde die damalige Kretzgasse nach Georg Weissel, dem "Auflehner und Dienstverweigerer" von der Stadt Wien umbenannt. Vom hingerichteten Verbrecher zum Namensgeber einer Straße am Ort des Geschehens. Was für ein Wandel in der Beurteilung der Ereignisse im Februar 1934. 

 

Drei Mahnungen 

In der Weisselgasse Nummer eins steht heute die Kirche der evangelischen Pfarrgemeinde Wien Floridsdorf. Am Giebel der Kirche ist ein schlichtes Kreuz aufgemalt. Drei Mahnungen gibt es den Vorübergehenden mit. Die erste heißt: Setzt eure aktuellen Einsichten und Ansichten nicht absolut. Die politischen nicht und auch nicht alle anderen. Seit Jesus am Kreuz hingerichtet wurde, haben sich Weltreiche erhoben und sind wieder versunken. Mächtige und solche, die sich dafür gehalten haben, sind gekommen und wieder verschwunden. Auch diejenigen, die mit Gewalt ihren Machtanspruch durchgesetzt und Menschen im Widerstand das Leben genommen haben.

Darum ist die zweite Botschaft dieses Kreuzes in der Weisselgasse: Wer die Todesstrafe vollstreckt, kann eines Tages als Mörder da stehen. Wer nach der Todesstrafe ruft, setzt sich und seine Sicht absolut. Er stellt sich an die Stelle Gottes.

 

Die dritte Botschaft aber weist in die Zukunft: Das Kreuz ruft vom Giebel der Kirche: Vergeben ja, vergessen nein. Denn Vergeben heißt ja nicht: Tun wir so, als wäre nichts geschehen. Es heißt auch nicht, gut zu heißen, was ganz und gar nicht gut gewesen ist. Wer vergibt, erinnert sich und verzichtet darauf, die Täter zu hassen und sich an ihnen zu rächen. So, wie Jesus zuletzt gebetet hat: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

 

Versöhnt in die Zukunft gehen

Ich weiß nicht, ob Erwin Weissel, der Sohn des hingerichteten Kämpfers, evangelisch war. Ich halte das eher für unwahrscheinlich. Ein unverbesserlicher Menschenfreund ist er, der Universitätsprofessor für Sozialpolitik, aber gewesen. So jedenfalls nennt ihn ein Kollege in einer Festschrift, die er für den Sohn des Gehenkten im Jahr 2000 herausgegeben hat. Erwin Weissel hat das, was seiner Familie widerfahren ist, wohl nie vergessen. Zeit seines Lebens stand er ökonomischen und politischen Moden kritisch und skeptisch gegenüber. Vergeben ja, vergessen nein. So kann ein Mensch, eine Gruppe, ein Volk versöhnt aus einer schlimmen Geschichte in die Zukunft gehen.